ÜBER DIE ENT-TÄUSCHUNG

Während ich gerade an unserem Buch über wahre Liebe und speziell über unsere Enttäuschungen schreibe, überlege ich, wen ich vom ersten Moment meines Lebens enttäuscht habe. Ich gehe jede Beziehung durch und staune:

Im Laufe meines Lebens habe ich jeden Menschen irgendwann enttäuscht. Tatsächlich fand ich kein einziges Wesen, das ich nicht irgendwann ent-täuscht hätte. Selbst wenn es nichts groß Verletzendes war, aber all die kleinen Begebenheiten, wo man sich abgrenzt oder die Erwartung anderer an Zeit oder Energie gerade nicht erfüllt, zeigten wie ent-täuschend ich immer wieder für andere war.

Es begann schon mit meinen Eltern, als ich nicht viel Ehrgeiz in der Schule hatte, später nicht das nette angepasste Mädel war, das sie sich vorstellten. Ich enttäuschte meine Kindheitsfreundin als die Jungs wichtiger waren als Treffen mit ihr, die Jungs, weil ich sie abwies in ihrem Begehren, die erste lange Beziehung die ich beendete, weil ich mich in einen anderen verliebte… Ich ließ traurige Menschen in WGs zurück, weil ich wieder ging, vergaß viele viele Geburtstage, ging in Beziehungen andere Wege, setzte Klienten Grenzen, die gern mehr von mir gehabt hätten und so weiter…

Nein, ich fand keinen einzigen Menschen den ich nicht irgendwann enttäuscht hätte. So oft hatte ich andere Vorstellungen oder konnte nicht geben, was sie erwarteten oder von mir brauchten.

 

Aber ebenso ist das Gegenteil der Fall. Von jedem Menschen, jeder Beziehung war ich irgendwann ent-täuscht. Ich erinnerte mich an meine Mutter die mich mit sechs Wochen bei einer Oma ließ, die eigentlich ihre Ruhe wollte, an meinen Vater, der zwei Jahre nicht mehr mit mir redete, weil ich nicht die war, die er wollte… an meine erste Liebe die mich abservierte für eine andere. Mir fielen Situationen ein: Meine Freundin die meinen ersten Freund heimlich küsste. Meine erste Beziehung die mich belog. Lieben, die mich versetzten und nicht so zurückliebten, wie ich es mir vorstellte… Freunde die mich verraten haben, mich verurteilten, ausgrenzten, mir Vorwürfe machten oder mich einfach nicht verstanden… 

Ich fühlte hinein in die vielen Enttäuschungen über das Leben, weil es vergeht, nicht das gibt, was man gerade braucht, es so kompliziert ist und anstrengend auf der Erde…

All diese Ent-Täuschungen laufen den ganzen Tag aufs Neue ab. Im Kleinsten und im Großen.

 

In einem Seminar frage ich die Teilnehmer: Gibt es jemand, den du nie enttäuscht hast? Oder der dich nie enttäuscht hat? Nach kurzem Überlegen, war jedem klar, dass das nicht möglich ist.

Und ich erkannte: Tatsächlich sind wir genau dazu hier. Wir sind hier, um einander unsere Masken, unsere Lügen und Täuschungen zu entreißen, um uns in die Wahrheit unseres Selbst zu führen.

 

Erwartung gehört enttäuscht.

Denn Erwartung ist nur solange möglich wie du im Illusionsfeld noch an eine Erfüllung von außen glaubst und davon abhängig bist.

Entweder ich erfülle alle Erwartungen und unterstütze den anderen somit in der Täuschung über mich. Oder ich beende die Täuschung, die letztlich Lüge ist und stehe uneingeschränkt zu meiner Wahrheit. Denn ich bin nicht die Erwartung eines anderen Menschen. Ich bin nicht dazu da, sie zu erfüllen. Ich bin dazu da, meine Wahrheit zu leben.

Erkenne: Wenn du ein anderes Wesen nicht enttäuschen möchtest, belässt du es in der Täuschung über dich, sich selbst und die Situation. Es kommt so nie in die Wahrheit.

Wenn du deinen eigenen Weg gehst, bleibt dir nichts anderes übrig als die Illusion, die sich andere von dir machen, zu zerstören. Das beginnt schon sehr früh in der Kindheit. Nein, du warst nicht immer der kleine brave Junge, das süße nette Mädchen, du warst auch wild und wütend, zornig und garstig. Würde ein kleines Kind allen Erwartungen entsprechen, würde es der Erwartungs-Klon seiner Eltern werden, aber niemals sich selbst erfahren in seiner Essenz. Also muss es sie enttäuschen, über ihre Grenzen hinausgehen und die raue, aber so viel reinere Luft der eigenen Seele atmen.

 Du kannst dich verbiegen, wie du willst, irgendwann kommst du an den Punkt, wo du Nein sagen und das enttäuschte Gesicht vor dir ertragen musst. Sonst wäre keine Entwicklung möglich.

Denn was wäre aus dir geworden, wenn du niemand enttäuscht hättest, den Erwartungen an dich und deine Energie immer entsprochen hättest? Wieviel Selbstlüge und Enttäuschung zu dir selbst ist dazu nötig?

Lasst uns einander Ent-Täuschen!

Lasst uns wahrnehmen, was hinter all unseren Erwartungen liegt.

Lasst uns unsere Täuschungen erkennen!

Denn dies ist der Weg zur Freiheit und zur wahren Liebe.

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Kommentare: 6
  • #1

    Melanie (Sonntag, 04 März 2018 13:43)

    Vielen Dank ����

  • #2

    Eva Denk (Sonntag, 04 März 2018 15:27)

    Danke auch dir... EVA

  • #3

    Ingrid (Sonntag, 04 März 2018 15:48)



    Wie wahr.....tut gut, das mal geschrieben zu sehen ....Danke Eva ��☀️

  • #4

    Doris (Sonntag, 04 März 2018 16:14)

    Vielen Dank...liebe Eva...du sprichst mir gerade aus der Seele...

  • #5

    Sophie (Mittwoch, 14 März 2018 17:12)

    Vieles hast du Wach gerufen. Das eine , wie das andere. Vielen dank liebe Eva.

  • #6

    Eva Denk (Samstag, 21 April 2018 22:00)

    Danke euch...
    in Liebe und Verbundenheit
    Eva